A Sea Symphony von Ralph Vaughan Williams gehört zu den bekanntesten Musikstücken, die damals etwa gleichzeitig in England geschrieben wurden, die sich mit dem Thema des Ozeans beschäftigten. Dazu gehören außerdem Charles Stanfords Songs of the Sea (1904), Edward Elgars Sea Pictures (1899), Frank Bridges The Sea (1910) und das 1905 im englischen Seebad Eastbourne abgeschlossene La Mer des Franzosen Claude Debussy. All diese Stücke mögen dazu beigetragen haben, dass sich Vaughan Williams bei seinem ersten großen Werk diesem Thema zuwandte.
Für seine Sea Symphony verwendete Vaughan Williams Zeilen aus fünf Gedichten von Walt Whitman: vier aus der Sammlung Leaves of Grass und eine aus seiner Passage to India.
Vaughan Williams hatte 1908 drei Wochen lang bei Maurice Ravel in Paris studiert. Während er intensiv an der Instrumentation arbeitete, entwickelte sich bei ihm ein deutlicher Kontrast zur deutschen sinfonischen Tradition. Damals begann Vaughan Williams, einen größeren Sinn für Farben und ungewöhnliche Akkordfolgen zu entwickeln. Die Sea Symphony enthält sowohl Pentatonik als auch die Ganztonleiter, was damals eher für die zeitgenössische französische Musik charakteristisch war. Eine solche Musik schwebte Vaughan Williams vor,als er von 1908 bis 1909 die Komposition der Sea Symphony vollendete. Ravel machte ihm ein großes Kompliment, indem er sagte: „Vaughan Williams ist der einzige meiner Studenten, der nicht so komponiert wie ich.“
A Sea Symphony ist eine der ersten Sinfonien, die den Chor als durchgängig festen Bestandteil in allen Sätzen der Komposition verwendet. Was Beethoven am Ende seiner 9. Sinfonie anstößt, erfährt bei Vaughan Williams und fast zeitgleich mit Gustav Mahlers 8. Sinfonie eine neue Dimension. Obwohl sich Vaughan Williams von der alten deutschen Tradition einer klassischen Sinfonie weit entfernt, folgt das Werk doch in gewissem Sinne dem üblichen sinfonischen Aufbau: schneller Einleitungssatz, langsamer Satz, Scherzo und Finale. Anders als Elgar rückt Vaughan Williams nicht den „Klang des Meeres“ in den Mittelpunkt, sondern beschäftigt sich mit der Seereise als Metapher für die ewige Suche nach dem tieferen Sinn menschlicher Existenz. „Whitmans Texte sind von kosmischer Natur und handeln von den mysteriösen Unwägbarkeiten des Lebens“, schreibt Paul Holmes, „und Vaughan Williams liefert eine Musik mit einem entsprechenden mystischen Gefühl. Diese Sinfonie blickt auf das Meer und erkennt, dass es ein Symbol für das Unendliche ist. Die in A Sea Symphony dargestellte Reise der menschlichen Seele endet damit, dass das Schiff des
Lebens langsam und ruhig über den Horizont ins Unbekannte verschwindet. Gleichzeitig künden die rauhen Texte Walt Whitmans von der ungreifbaren Naturgewalt der See, ihrer Schönheit und Verletzlichkeit. Und davon, wie alles, was Menschen trennt und spaltet, vor dieser schützenswerten Macht ins Bedeutungslose verblasst. Vergleichbar dem Friedensappell aus Beethovens Neunter Sinfonie wendet sich Vaughan Williams’ Werk an die Menschheit und erinnert mit überwältigender Musik an ihren nie versiegenden Entdeckergeist und ihren Willen, das Unmögliche möglich zu machen
Ralph Vaughan Williams: A Sea Symphony, eine Sinfoniekantate für Sopran, Bariton, Chor und Orchester
BERLINER CAPPELLA + Friedenauer Konzertchor + Akademischer Chor Bydgoszcz + Filharmonia Pomorska
Solist*innen: N.N.
Leitung: Sergi Gili Solé




