Geschichte

Aus der engeren Bindung an eine Kirchengemeinde wollte Peter Schwarz heraustreten, als er 1965 als junger Kantor der Kaiser-Friedrich-Gedächtnis-Kirche im Berliner Tiergarten die Berliner Cappella gründete. Der Name fiel ihm auf der griechischen Insel Hydra ein. Ob er an die neunköpfige Wasserschlange gedacht hat, der zwei Köpfe nachwuchsen, wenn sie einen verlor? „Es war sicher nicht die Dienstanweisung des evangelischen Konsistoriums, die mich drängte, einen Chor zu gründen”, erinnerte er sich. „Es war die brennende Neugierde, mit einer Gruppe von beweglichen und fleißigen Menschen den besonderen Klang zu suchen, den die mehrstimmige Musik in die Welt trägt. So kam es zu einer leidenschaftlichen Wanderung durch die Musik von Jahrhunderten. Das gemeinsame Musizieren war das Gefäß für Mitmenschlichkeit, zuneigende Freundschaft und Liebe.”

Am Anfang hatte der Chor kaum mehr als 25 Mitglieder, die schon aber bald auf etwa 70 anwuchsen. Denn die Gründergeneration kam zu einem großen Teil aus dem nahegelegenen Studentendorf Sigmundshof, wo Peter Schwarz selbst in einer Wohngemeinschaft Quartier gefunden hatte. Der Kirchenchor der Kaiser-Friedrich-Gedächtnis-Kirche ging in der Berliner Cappella auf.

Geistliche Musik blieb zunächst der Schwerpunkt des Programms, das sich nun auch den Experimenten der Moderne zuwandte. Neben die großen Chorwerke von Heinrich Schütz, Johann Sebastian Bach, Georg Friedrich Händel, Joseph Haydn, Wolfgang Amadeus Mozart, Felix Mendelssohn Bartholdy, Johannes Brahms oder Anton Bruckner traten Kompositionen von Karlheinz Stockhausen, Petr Eben, György Ligeti, Dieter Schnebel, Olivier Messiaen, Arnold Schönberg, Paul Hindemith, Benjamin Britten, Grete von Zieritz und vielen anderen. Nicht nur in Kirchen und den großen Konzertsälen Berlins, sondern auch im Ausland ließ der Chor von sich hören. In Italien, in der Türkei, in den USA, vor allem aber in den Ländern des Ostblocks war die Berliner Cappella unterwegs.

Die erste Reise sollte den Chor im Herbst 1968 in die ČSSR führen. Sie musste, weil während dieser Tage der Prager Frühling erstickt wurde, um ein Jahr verschoben werden. Gerade in der schweren Zeit des Kalten Krieges wurde die Begegnung mit den Menschen auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs zum „kreativen Erlebnis”, wie Peter Schwarz notierte. Sowohl als Organist als auch als Leiter der Berliner Cappella gastierte er stets mit einem außergewöhnlichen und anspruchsvollen Repertoire in Bratislava, Budapest, Moskau, Leningrad/St. Petersburg, Rīga, Kiew, Odessa und immer wieder in verschiedenen polnischen Städten. Eine besondere Freundschaft verbindet die Berliner Cappella mit dem Orchester der Filharmonia Pomorska in Bydgoszcz/Bromberg, Polen. 2007 konnte diese langjährige Zusammenarbeit auf 30 Jahre zurückblicken. Auf Grund der langjährigen Freundschaft mit dem Orchester der Filharmonia Pomorska war es nur folgerichtig, dass Peter Schwarz sein letztes Konzert als Leiter der Berliner Cappella mit der Aufführung von Benjamin Brittens War Requiem zusammen mit der Filharmonia Pomorska 2001 sowohl in Bydgoszcz als auch in Berlin leitete.

Nachdem zunächst Gunter Berger, derzeit Chordirektor der Philharmonischen Chöre Dresden, den Chor geleitet hat, bleibt die Tradition des Chores auch unter Kerstin Behnke lebendig, die 2002 die Leitung übernommen hat. Seitdem setzt sie zusammen mit dem Chor mit jeder Saison neue Akzente. Auch lobt die Berliner Cappella seit 2003 regelmäßig einen Kompositionswettbewerb aus, bei dem der Preisträger zur Uraufführung seines Werkes eingeladen wird und ein Preisgeld in Empfang nehmen darf. Inzwischen beteiligt sich der Berliner Chormusik-Verlag an der Auslobung. Er wird das prämierte Werk nach der Uraufführung durch die Berliner Cappella verlegen.

Entdeckerfreude und den Mut zum Abenteuer attestierte Kultursenator Volker Hassemer der Cappella zum 20-jährigen Bestehen. Thomas Flierl, einer seiner Nachfolger, schrieb 2005 zum vierzigsten Chorjubiläum: „Ich bin sicher, dass die Berliner Cappella, die … auch über die Landesgrenzen hinaus einen guten Ruf genießt, auf dem richtigen Weg ist.”

Und zum nunmehr 50-jährigen Bestehen 2015 schrieb die Staatsministerin für Kultur und Medien Monika Grütters: „Für mich ist die Berliner Cappella ein schönes Beispiel dafür, dass aus ehrenamtlichem Engagement in Verbindung mit hohem künstlerischen Anspruch Großes entstehen kann.“