A Sea Symphony von Ralph Vaughan Williams gehört zu den bekanntesten Musikstücken, die damals ungefähr gleichzeitig in England geschrieben wurden und die sich mit dem Thema des Ozeans beschäftigten. Dazu gehören Charles Stanfords Songs of the Sea (1904), Edward Elgars Sea Pictures (1899), Frank Bridges The Sea (1910) und das 1905 abgeschlossene La Mer von Claude Debussy.
A Sea Symphony ist eine der ersten Sinfonien, die den Chor als durchgängig festen Bestandteil in allen Sätzen der Komposition verwendet. Was Beethoven am Ende seiner 9. Sinfonie anstößt, erfährt bei Vaughan Williams und fast zeitgleich mit Gustav Mahlers 8. Sinfonie eine neue Dimension. Obwohl sich Vaughan Williams von der alten deutschen Tradition einer klassischen Sinfonie weit entfernt, folgt das Werk doch in gewissem Sinne dem üblichen sinfonischen Aufbau: schneller Einleitungssatz, langsamer Satz, Scherzo und Finale. Anders als Elgar rückt Vaughan Williams nicht den „Klang des Meeres“ in den Mittelpunkt, sondern beschäftigt sich mit der Seereise als Metapher für die ewige Suche nach dem tieferen Sinn menschlicher Existenz. „Whitmans Texte sind von kosmischer Natur und handeln von den mysteriösen Unwägbarkeiten des Lebens“, schreibt Paul Holmes, „und Vaughan Williams liefert eine Musik mit einem entsprechenden mystischen Gefühl. Diese Sinfonie blickt auf das Meer und erkennt, dass es ein Symbol für das Unendliche ist.
Die in A Sea Symphony dargestellte Reise der menschlichen Seele endet damit, dass das Schiff des Lebens langsam und ruhig über den Horizont ins Unbekannte verschwindet. Gleichzeitig künden die rauhen Texte Walt Whitmans von der ungreifbaren Naturgewalt der See, ihrer Schönheit und Verletzlichkeit. Und davon, wie alles, was Menschen trennt und spaltet, vor dieser schützenswerten Macht ins Bedeutungslose verblasst. Vergleichbar dem Friedensappell aus Beethovens Neunter Sinfonie wendet sich Vaughan Williams’ Werk an die Menschheit und erinnert mit überwältigender Musik an ihren nie versiegenden Entdeckergeist und ihren Willen, das Unmögliche möglich zu machen
Ralph Vaughan Williams: A Sea Symphony, eine Sinfoniekantate für Sopran, Bariton, Chor und Orchester
BERLINER CAPPELLA + Friedenauer Konzertchor + Akademischer Chor Bydgoszcz + Filharmonia Pomorska
Solist*innen: Lucy de Butts, Daniel Ochoa
Leitung: Sergi Gili Solé




